Neue Situations- und Ressourcenanalyse für Berlin-Mitte veröffentlicht
Wie steht es um demokratische Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Berlin-Mitte?
Im Rahmen des Bundesprogramms„Demokratie leben!“ wurde 2025 eine Situations- und Ressourcenanalyse für Berlin-Mitte durchgeführt. Ziel war es, die aktuellen Herausforderungen im Bezirk sichtbar zu machen und die Perspektiven zivilgesellschaftlicher Organisationen bei der Stärkung von Demokratie und Teilhabe einzubeziehen. Dafür wurden 32 Organisationen aus den Bezirksregionen Zentrum, Gesundbrunnen, Moabit und Wedding befragt. Ergänzt wurde die Untersuchung durch aktuelle Sozialdaten, wissenschaftliche Studien und Berichte zivilgesellschaftlicher Fachstellen.
Die Analyse zeigt: Berlin-Mitte ist ein Bezirk mit großer Vielfalt und steht gleichzeitig vor erheblichen sozialen Herausforderungen.
Armut, steigende Mieten, Wohnungsnot, Diskriminierung und politische Ausgrenzung erschweren vielen Menschen die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche, Menschen mit Migrationsgeschichte, von Diskriminierung betroffene Gruppen sowie Menschen in prekären Lebenslagen.
Besonders häufig benennen die befragten Organisationen:
- Wohnungsnot und steigende Lebenshaltungskosten
- Kinder- und Familienarmut
- Hürden bei politischer Teilhabe
- Rassismus, Antisemitismus und andere Diskriminierungsformen
- fehlende Räume für Begegnung, Jugendarbeit und nachbarschaftliches Engagement
Die Analyse macht deutlich, wie wichtig die Arbeit der Zivilgesellschaft für den Bezirk ist.
Initiativen, Vereine, Nachbarschaftsprojekte und Beratungsstellen schaffen Orte der Begegnung, unterstützen Menschen in schwierigen Lebenslagen, stärken demokratische Beteiligung und setzen sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung ein. Über 90 % der befragten Organisationen arbeiten in den Bereichen soziale Rechte und gleichberechtigte Teilhabe.
Gleichzeitig machen die Ergebnisse deutlich, dass viele dieser Organisationen selbst unter erheblichem Druck stehen. Die befragten Einrichtungen berichten von unsicherer Finanzierung, Personalmangel, steigenden Kosten und wachsenden bürokratischen Anforderungen. Viele wünschen sich langfristige Förderstrukturen statt kurzfristiger Projektlogiken.
Diese Befunde gewinnen vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten um die Zukunft des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ zusätzlich an Bedeutung. Bundesfamilienministerin Karin Prien hat angekündigt, das Programm grundlegend umzubauen. Nach Medienberichten sollen zahlreiche bisher geförderte Projekte und Träger ihre Förderung verlieren, während die Förderschwerpunkte neu ausgerichtet werden.
Fachleute aus Demokratieförderung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft warnen davor, dass mit dem Abbau bestehender Förderstrukturen nicht nur Projekte verloren gehen, sondern auch langjährig aufgebaute lokale Netzwerke, Beteiligungsstrukturen und Vertrauensbeziehungen.¹²³
Als Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaften für Demokratie Zentrum/ Gesundbrunnen und Moabit/ Wedding erleben wir diese Entwicklungen unmittelbar.
Auch unser Leistungsbericht 2025 zeigt, wie stark finanzielle Unsicherheit, steigende Anforderungen und begrenzte Ressourcen die Arbeit demokratischer Infrastruktur vor Ort beeinflussen. Währenddessen steigt der Bedarf an Beratung, Vernetzung, Beteiligungsformaten und Unterstützung für lokale Akteur*innen weiter.
Die Situations- und Ressourcenanalyse macht deutlich, dass die Herausforderungen in Berlin-Mitte nicht kleiner werden. Im Gegenteil: Armut, Wohnungsnot, politische Ausgrenzung und unterschiedliche Formen von Diskriminierung prägen weiterhin den Alltag vieler Menschen.
Registerstellen, Antidiskriminierungs- und Beratungsprojekte dokumentieren seit Jahren eine hohe Zahl rassistischer, antisemitischer, antimuslimischer und queerfeindlicher Vorfälle in Berlin-Mitte und darüber hinaus.⁴⁵⁶
Die Ergebnisse der Analyse bestätigen damit viele Entwicklungen, die zivilgesellschaftliche Organisationen, Beratungsstellen, Registerprojekte und Demokratieförderprogramme seit Jahren beobachten.
Gerade vor diesem Hintergrund braucht es starke zivilgesellschaftliche Strukturen, die Menschen unterstützen, Konflikte bearbeiten, Begegnung ermöglichen und demokratische Teilhabe stärken. Die Analyse zeigt nicht nur, wo Probleme bestehen. Sie zeigt auch, wer jeden Tag daran arbeitet, dass unsere Nachbarschaften zusammenhalten.
Gerade jetzt, in einer Zeit wachsender sozialer Ungleichheit, politischer Polarisierung und zunehmender Angriffe auf demokratische Werte, braucht es nicht weniger, sondern mehr Unterstützung für die Menschen und Organisationen, die vor Ort Verantwortung übernehmen.
Demokratie entsteht nicht von allein. Sie lebt von den Menschen, die Nachbarschaften zusammenhalten, Brücken bauen, Konflikte aushalten, Räume für Begegnung schaffen und jeden Tag für Teilhabe und Zusammenhalt arbeiten. Wer Demokratie stärken will, muss diese Arbeit stärken.
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📄 Die vollständige Situations- und Ressourcenanalyse für Berlin-Mitte können Sie hier herunterladen.
Quellen:
¹ ARD Tagesschau:„Projekte von Demokratie leben! auf dem Prüfstand“ (25.03.2026). Der Beitrag verweist auf die Bedeutung lokaler Projekte und beschreibt die Debatte um die geplante Neuausrichtung sowie das Auslaufen zahlreicher Förderungen.
² Bundesfamilienministerin Karin Prien erklärte im März 2026, sie sehe „Vielfalt“ nicht als staatliches Förderziel. Die angekündigte Neuausrichtung von „Demokratie leben!“ wird deshalb von zahlreichen Akteur*innen der Demokratieförderung als grundsätzliche Verschiebung des Programmverständnisses diskutiert.
³ Greuel, Frank; Karliczek, Kari-Maria; Kleist, J. Olaf; Winter, Sebastian (Hrsg.) (2025): Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention. Abschlussbericht des Evaluationsverbundes des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ 2020–2024. Beltz Juventa. Die Evaluation hebt die Bedeutung langfristiger Kooperationen, lokaler Netzwerke, Wissens- und Strukturtransfer sowie verlässlicher Förderstrukturen für nachhaltige Demokratieförderung hervor.
⁴ Berliner Register (Jahresbericht Mitte 2025): Berlin-Mitte gehört seit Jahren zu den Berliner Bezirken mit den meisten dokumentierten diskriminierenden und menschenfeindlichen Vorfällen. Erfasst wurden unter anderem rassistische, antisemitische, antimuslimische und queerfeindliche Vorfälle.
⁵ RIAS Berlin (Antisemitische Vorfälle in Berlin 2025): RIAS dokumentierte für Berlin erneut einen starken Anstieg antisemitischer Vorfälle. Berlin-Mitte gehört zu den Schwerpunkten des Vorfallgeschehens.
⁶ Each One Teach One (EOTO) / Afrozensus und Monitoringbericht 2025: Die Zahl dokumentierter Fälle Anti-Schwarzen Rassismus hat sich mehr als verdoppelt.